Verschiedene niederländische und deutsche Behörden haben im Rahmen des europäischen Förderprogramms Interreg Deutschland-Niederlande sechs neue grenzüberschreitende Projekte genehmigt. Mit einer gemeinsamen Investition von fast 20 Millionen Euro schließen sich Universitäten, Unternehmen und Behörden zusammen, um drängende gesellschaftliche Herausforderungen – von der Versorgungssicherheit im Gesundheitswesen über Cybersicherheit bis hin zum Personalmangel – anzugehen. Die Grenzregion zwischen den Niederlanden und Deutschland fungiert immer mehr als Innovationsmotor für europäische Erneuerung. Obwohl die nationalen Grenzen administrativ noch bestehen, zeigen diese sechs Projekte, dass Technologie und wirtschaftliche Herausforderungen nicht an der Grenze haltmachen.
ResilientIS: 3D-Druck gegen medizinische Engpässe
Die Corona-Pandemie, Überschwemmungen und jüngste Cyberangriffe haben gezeigt, wie anfällig die medizinische Lieferkette ist. Oft fehlen nicht die großen Geräte, sondern kleine, lebenswichtige Teile wie Adapter für Beatmungsgeräte. Vor allem kleinere Krankenhäuser im Grenzraum stehen durch limitierte Bevorratung und unterschiedliche nationale Standards in der Protokollanwendung vor operativen Herausforderungen. Im Rahmen des Projekts ResilientIS wird ein innovatives Netzwerk aus Kliniken, Universitäten und Unternehmen aufgebaut. Sie erstellen eine Datenbank mit „digitalen Zwillingen“ und standardisierten Vorlagen. Dadurch können Ersatzteile in Krisenzeiten innerhalb weniger Stunden vor Ort im 3D-Druckverfahren hergestellt werden. Das bedeutet, dass regionale Kliniken genauso schnell handeln können wie große Krankenhäuser und eine große Unabhängigkeit erlangen. Neben dieser technologischen Lösung wird ein rechtliches „Krisenlizenzmodell“ entwickelt und das Pflegepersonal erhält grenzüberschreitende Schulungen. Insgesamt werden rund 4,3 Millionen Euro in dieses Projekt investiert.

FutureRobotiX: Humanoide Roboter für KMU
Die Entwicklungen im Bereich der Robotik schreiten rasant voran, doch für viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist die Hürde für die praktische Anwendung noch zu hoch. Dies gilt insbesondere für die humanoide Robotik: menschenähnliche, mobile Systeme, die laufen, greifen und sicher mit Menschen kommunizieren können. Obwohl diese Technologie in Laboren bereits weit fortgeschritten ist, fehlt es derzeit noch an bezahlbaren und brauchbaren Lösungen für den industriellen Einsatz.
Im Projekt FutureRobotiX arbeiten niederländische und deutsche Forschungseinrichtungen eng mit Produktionsunternehmen aus der Region zusammen, um diesen Schritt zu vollziehen. Mehrere KMU aus der verarbeitenden Industrie öffnen ihre Produktionsprozesse als realistische Testumgebungen. Hier werden Roboter trainiert, um komplexe Aufgaben wie Schweißen, Lackieren und logistische Handgriffe auszuführen. Der grenzüberschreitende Mehrwert entsteht durch die Kombination von deutscher Expertise im Maschinenbau mit niederländischem Wissen über Software und Künstliche Intelligenz. Mit einem Budget von 2,6 Millionen Euro adressiert das Projekt nicht nur eine technologische Lücke, sondern bietet auch eine Lösung für den wachsenden Fachkräftemangel in technischen Berufen.
Making ConneQtions: An manipulationssicheren Kommunikationstechnologien arbeiten
Das Aufkommen von Quantencomputern stellt eine direkte Bedrohung für unsere heutigen Verschlüsselungsstandards dar. Was heute sicher verschlüsselt ist, könnte in naher Zukunft einfach geknackt werden. Es besteht die dringende Notwendigkeit, kritische Infrastrukturen, unter anderem von Krankenhäusern und Rechenzentren, mit Quantenkommunikationstechnologie zu sichern.
Das Projekt Making ConneQtions bündelt die Kräfte der niederländischen und deutschen Photonik- und Halbleitersektoren. Ziel ist die Entwicklung einer neuen Generation von Quantenchips und die Realisierung eines einzigartigen, 70 Kilometer langen grenzüberschreitenden Testbeds zwischen Enschede und Münster. Dieses Testbed wird ein europäischer Hotspot, an dem internationale Unternehmen ihre Innovationen validieren können. Durch Eigeninvestitionen in diese Technologie verringert die Region die Abhängigkeit von nicht-europäischen Anbietern und stärkt die europäische strategische Autonomie. Für diese Zusammenarbeit sind über 8 Millionen Euro bereitgestellt worden.
Talent x TECH Region: Die Grenzregion als ein gemeinsamer Arbeitsmarkt
Obwohl die Universitäten und Hochschulen in der Region viele (internationale) Talente anziehen, verlässt ein großer Teil der Absolventen die Region schnell wieder. Um diesen Trend umzukehren und den Fachkräftemangel zu beheben, strebt das Projekt Talent x TECH Region einen „360-Grad-Arbeitsmarkt“ an. Die Projektpartner beabsichtigen, die Region Münsterland-Twente als einen gemeinsamen Innovations- und Arbeitsraum zu gestalten.
Die EU investiert zusammen mit regionalen Behörden und dem Projektkonsortium mehr als 1,7 Millionen Euro, um Studierende direkt mit innovativen Unternehmen in den Clustern von TECH.LAND (wie Robotik, Wasserstoff und MedTech) zu vernetzen. Im Mittelpunkt stehen „Techathons“: intensive Praxistage, an denen gemischte Studierendenteams an realen Herausforderungen lokaler KMU arbeiten. Darüber hinaus wird eine grenzüberschreitende App und Online-Module entwickelt, um die Hürden für eine Karriere auf der anderen Seite der Grenze abzubauen.
Familiebedrijven: Fit für die Zukunft
Familienunternehmen bilden das unverzichtbare Rückgrat der Wirtschaft in Overijssel und dem Münsterland. Sie stehen jedoch vor enormen Herausforderungen wie Unternehmensnachfolge, Digitalisierung und der Energiewende. Oft suchen diese Unternehmen nach Lösungen innerhalb der eigenen Landesgrenzen, während der Nachbar auf der anderen Seite der Grenze möglicherweise den entscheidenden Rat parat hat.
Das Projekt „Familiebedrijven“ bricht mit herkömmlichen Denkmustern auf und fördert eine 360-Grad-Perspektive. In sogenannten Learning Communities tauschen sich 90 niederländische und deutsche Familienunternehmen intensiv aus. Neue Arbeitsmethoden werden in Workshops mit Intermediären, wie Beratern, Banken geteilt und in einem Leitfaden sowie in Schulungsmodulen dokumentiert. Für dieses Projekt wurden 850.000 Euro zur Verfügung gestellt, um die Kontinuität dieser wichtigen Unternehmen zu gewährleisten.
SCALE: Ein europäisches Ökosystem für Startups
Innovative Startups in Sektoren wie Deep-Tech, Energie, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft haben aufgrund fragmentierter Netzwerke oft Schwierigkeiten, den Schritt in den Markt des Nachbarlandes zu wagen. Das Interreg-Projekt SCALE baut eine sogenannte „Entwicklungs-Pipeline“ auf, die Startups von der ersten Idee bis zur internationalen Markteinführung begleitet.
SCALE bringt bestehende Inkubatoren, Investoren und Wirtschaftsförderungsgesellschaften in den Ost-Niederlanden, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zusammen. Das Projekt bietet ein grenzüberschreitendes Mentorennetzwerk, Investorentage und „Soft-Landing-Dienste“ für 200 Startups an. Zudem richtet sich das Projekt an die Politik, um rechtliche und administrative Hemmnisse in der Grenzregion strukturell anzugehen. In dieses Projekt werden mehr als 2,1 Millionen Euro investiert.
Über Interreg
Das Förderprogramm Interreg Deutschland-Nederland stimuliert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Partnern in der Grenzregion. Die Projekte werden von der Europäischen Union sowie von nationalen und regionalen Behörden kofinanziert.