Letzte Woche fand im Salzsiedehaus in Rheine beim Kloster Bentlage das deutsch-niederländische Symposium „All Inclusive“ statt. Es wurde von der Theaterensemble King’s Men im Rahmen des Interreg-VI-Projekts Hear! Hear! Shakespeare organisiert. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die barrierefreie Gestaltung von Kultur und Theater für Menschen mit Sehbehinderung. Das Symposium bot nicht nur wertvolle Diskussionen, sondern auch sehr kreative und herzerwärmende Momente, die zeigten, wie Inklusion in der Praxis funktioniert.
Sich selbst „skizzieren“: Ein inklusives Kennenlernen
Gleich zu Beginn des Symposiums wurde ein innovativer, inklusiver Ansatz gewählt. Anstelle der traditionellen Vorstellungsrunde auf der Grundlage des Berufs wurden die Anwesenden gebeten, sich anhand ihres Aussehens zu beschreiben. Diese visuellen Selbstbeschreibungen, bei denen die Teilnehmenden ihre Kleidung, Frisur oder auffällige Merkmale wie Tätowierungen oder einen Kaffeefleck auf der Kleidung beschrieben, sorgten für eine entspannte Atmosphäre und brachten besondere, persönliche Geschichten hervor. Diese Methode war zudem äußerst passend und funktional: Auf diese Weise erhielten die anwesenden Gäste mit einer Sehbehinderung sofort ein lebendiges und gleichwertiges Bild der Menschen im Raum.
Die unsichtbare Veränderung im Raum
Bei einem offenen Publikumsgespräch zwischen Silvia Andringa von dem Theaterensemble King’s Men und dem Kabarettisten, Autor und Diversitätsberater Vincent Bijlo wurde über die spezielle Audioaufnahme gesprochen, die nach der Aufführung von Winter Tales entstanden war. Obwohl die Aufnahme mit großer Sorgfalt und viel technischem Aufwand produziert worden war, erwies es sich im Nachhinein als recht schwierig, der Geschichte rein über den Ton zu folgen. Der Grund dafür war ebenso faszinierend wie logisch: Es fehlt uns schlichtweg die physische Präsenz der Menschen um uns herum. Vincent, der selbst blind ist, erklärte auf sehr anschauliche Weise, wie das funktioniert. Er erzählte, dass er es sofort spüre, wenn sich jemand von ihm wegbewege; in diesem Moment verändere sich die Dynamik und Atmosphäre der Situation grundlegend. Ein Mikrofon kann diese subtilen Verschiebungen im Raum nicht registrieren, aber als Mensch nimmt man diese Veränderung sehr wohl wahr. Das Gespräch machte allen im Saal deutlich, dass Theater eine sinnliche Erfahrung ist, die weit über das Hören und Sehen hinausgeht: Es geht darum, gemeinsam einen aktiven, spürbaren Raum zu teilen.

Vincent Bijlo & Silvia Andringa
In Möglichkeiten denken
Yvon Boerman hielt einen inspirierenden Vortrag über ihren unermüdlichen Einsatz für eine barrierefreie Gesellschaft. In ihrem Alltag berät sie unter anderem das niederländische Ministerium für Gesundheit, Gemeinwohl und Sport (VWS) sowie verschiedene Kultureinrichtungen zu diesem Thema. Für Yvon, die vor sechs Jahren erblindete, war die größte Herausforderung damals nicht der Sehverlust selbst, sondern die Suche nach Möglichkeiten, weiterhin das tun zu können, was sie glücklich macht. Ihre persönliche Mission ist seither glasklar: nicht die Einschränkungen in den Vordergrund zu stellen, sondern immer in Möglichkeiten zu denken.
Gemeinsam mit ihrem Mann besucht sie beispielsweise nach wie vor gerne das Kino und das Theater. Dies ist dank der Audiodeskription möglich – einer Technik, bei der eine Stimme die Bilder auf der Bühne oder der Leinwand live beschreibt, sodass sie den Aufführungen völlig selbstständig folgen kann. Sie berichtete auch von ihren positiven Erfahrungen mit den Aufführungen der King’s Men. Durch die Intimität dieses Theaters und die Tatsache, dass sich die Schauspieler buchstäblich durch das Publikum bewegen, erlebe sie die Stücke dort besonders intensiv, sodass eine Audiodeskription gar nicht erst erforderlich sei.

Winter Tales
Klänge, die zum Leben erwachen
Wie sich dieser Fokus auf das Auditive in der Praxis auf der Bühne widerspiegelt, wurde eindrucksvoll bei einer Live-Szene aus der jüngsten Inszenierung Winter Tales demonstriert. Bei diesem Auftritt lag ein enormes Augenmerk auf allem, was man hören kann. Das Publikum wurde durch das Nachahmen vertrauter Geräusche, wie dem Heulen eines Sturmwinds oder dem Rascheln von knisterndem Papier, mitten in die Szene hineingezogen. Genau durch diese starke Betonung von Klang und Atmosphäre sind die Aufführungen der King’s Men so inklusiv: Bei der Konzeption der Szenen wird echte Rücksicht auf Menschen genommen, die nicht oder nur eingeschränkt sehen können, wodurch Theater für alle zu einem intensiven Erlebnis wird.
Der Blick ist inzwischen auch schon auf die Zukunft gerichtet. Das Theaterensemble probt bereits fleißig für das neue Stück From Shakespeare with Love, das im November Premiere feiert und ebenfalls vollkommen für Menschen mit einer Sehbehinderung geeignet sein wird. Um diese Aufführung noch lebendiger zu gestalten, nutzten die King’s Men das Symposium, um aktiv mit blinden Gästen ins Gespräch zu kommen. Deren persönliche Erfahrungen und wertvolles Feedback dazu, wie sie Theater erleben, fließen direkt in die neue Produktion ein.
Das Projekt „Hear! Hear! Shakespeare“ wird durch das europäische Förderprogramm Interreg Deutschland-Nederland sowie die nationalen Partner unterstützt: die Provinz Overijssel, die Provinz Friesland und das nordrhein-westfälische Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie (MWIKE).