Von Martin Borck
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist vorbei. Sowohl das deutsche als auch das niederländische Team haben sich während der Endrunde sportlich nicht mit Ruhm bekleckert. Beide schieden im Sechzehntelfinale aus. In den sozialen Medien tauchten daraufhin KI-erzeugte Bilder auf, die beide Mannschaften auf dem Heimflug zeigten. Zusammen, in Fluggemeinschaft sozusagen. Tja: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Fußball ist mehr als Sport. Erst recht, wenn man die Länderspiele der deutschen Mannschaft gegen die niederländische Elf betrachtet. Sie spiegelten gewissermaßen die Stimmung im Verhältnis zwischen den Ländern im Ganzen wider. Ich erinnere mich an das Finale 1974, das Deutschland gewann. Selbst im beschaulichen Münsterland herrschte Hochstimmung: Die Menschen strömten auf die Straßen, in Grüppchen ließen sie die Höhepunkte des Spiels Revue passieren. Als ein Auto mit niederländischen Kennzeichen passierte, johlten die Leute im weltmeisterlichen Überschwang die Insassen aus. Mir als Heranwachsendem war das schon damals ein wenig peinlich.
1988 die Revanche: Die Niederlande schlugen Deutschland im Halbfinale der Europameisterschaft und wurden schließlich sogar Europameister: Endlich war – aus niederländischer Sicht – die lang ersehnte Wiedergutmachung geglückt.
An den Nahtstellen zwischen beiden Ländern kam es 1990 (nach dem WM-Achtelfinalspiel Deutschland-Niederlande und nach dem Finale, das Deutschland gewann) zu unschönen Zwischenfällen: Am Grenzübergang Gronau/Glanerbrug beispielsweise wurde randaliert. Es flogen sogar Steine, ein Auto wurde demoliert. Beim Endspiel sperrte die deutsche Polizei vorsorglich die Zufahrt zum Grenzübergang Glanerbrug.
Das war die Zeit, als es um das Verhältnis zwischen den Bevölkerungen beider Länder nicht zum besten stand. Eine Studie des Clingendael-Instituts in Den Haag ergab 1993, dass eine deutliche Mehrheit der niederländischen Jugendlichen ein äußerst kritisches Bild von den Deutschen hatte. Erschrocken ergriff die Politik Maßnahmen: Austausch- und Kennenlernprogramme wurden aufgelegt.
Auch die Fußballverbände reagieren mit entsprechenden Initiativen. Die Situation im Umfeld der Länderspiele entspannte sich allmählich. Frotzeleien waren allerdings weiterhin an der Tagesordnung: Das Lied „Ohne Holland fahr’n wir zur WM“ war zur WM 2002, für die sich die Niederlande nicht qualifiziert hatten, in Deutschland ein Hit. Bei der EM 2004 genoss demgegenüber ein „Schade, Deutschland, alles ist vorbei“ große Beliebtheit auf den niederländischen Rängen, nachdem die niederländische Mannschaft auf Kosten der deutschen ins Viertelfinale eingezogen war. Nach dem Ausscheiden der Niederlande bei der WM 2006 wurde von den deutschen Rängen „Ohne Holland fahr’n wir nach Berlin“ skandiert.
Doch von den früher oft brenzligen Situationen war keine Rede mehr. Im Gegenteil: 2010 standen die Niederlande gegen Spanien im Endspiel der WM. Deutschland war schon ausgeschieden. Und was sah man in Enschede beim Rudelgucken auf dem Oude Markt? Deutsche Fans, die sich unter die niederländischen mischten: mit Schwarz-Rot-Gold auf der einen Wange und Rot-Weiß-Blau auf der anderen, darunter der Slogan: „Win voor ons“! Gewinnt für uns! Auch im Vereinsfußball gibt es Verbrüder- und Verschwesterungen: Der Fanclub von Schalke 04 zum Beispiel unterhält eine enge Freundschaft zu den Anhängern des FC Twente.
Inzwischen gucken deutsche und niederländische Fans die Länderspiele manchmal sogar gemeinsam. Heftige Auseinandersetzungen hat es – bei aller sportlichen Konkurrenz – lange nicht mehr gegeben. Und das hoffentlich nicht nur, weil Deutschland und die Niederlande beide frühzeitig aus dem WM-Turnier geflogen sind …

24. Juni 1990: Bei einer Auseinandersetzung zwischen deutschen und niederländischen Fans nach dem WM-Achtelfinale am Grenzübergang Gronau-Glanerbrug wird ein Auto demoliert. © Martin Borck