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Wussten Sie, dass… Europa die Gesundheit in unserer Region fördert?

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Mit unseren neuen Reihe "Wussten Sie, dass...?" gewähren wir einen Blick hinter die Kulissen von deutsch-niederländischen Kooperationsprojekten und best practice in der EUREGIO. Wir sprechen mit Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise für ein grenzenloses Zusammenleben in unserer Region einsetzen. Dabei beschäftigen wir uns mit Initiativen aus verschiedenen Bereichen.

Die erste Ausgabe befasst sich mit dem Thema Oberflächentechnik und dem INTERREG-Projekt "S2M" (Sustainable Surfaces and Membranes). Das Hauptziel dieses Projekts ist die Entwicklung von antibakteriellen Beschichtungen. Diese können im Freien und in hygienisch sensiblen Bereichen eingesetzt werden, in denen sich keine Bakterien ausbreiten dürfen. In einem Interview mit Prof. Dr. Gregor Luthe aus Gronau gingen wir näher auf das S2M-Projekt ein. Er sprach mit Begeisterung über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und was das Projekt in der Grenzregion bewirkt hat.

Herr Prof. Luthe, grenzübergreifende Initiativen können unter bestimmten Umständen Zuschüsse aus dem EU-Förderprogramm INTERREG erhalten. Dieses Programm trägt zum Abbau der Grenze als Hindernis bei und versucht, die Innovationskraft der gesamten Grenzregion zu erhöhen. Wie sind Sie mit dem INTERREG-Projekt S²M in Berührung gekommen?

Über das Netzwerk Oberfläche NRW, das Innovationsprozesse in der Oberflächentechnologie initiiert und fördert, wurde das Projekt ins Leben gerufen. Bei diesem Netzwerk diskutieren Mitgliedsunternehmen Probleme und Fragestellungen. Diese werden formuliert und als Projektvorschlag eingereicht. Nur so konnte das INTERREG-Projekt S²M umgesetzt werden. Über das Netzwerk Oberfläche lernte ich auch Dr. Hans-Joachim Weintz kennen, mit dem ich das Projekt Luftkurholz entwickelt habe, bei dem durch die EU geförderte Kohle zum Einsatz kommt.

Sie beschäftigen sich derzeit mit der Entwicklung eines antibakteriellen Lacks. Wie genau wirkt dieses Produkt?

Die Zielsetzung der Verwendung dieses Lackes ist die Reduktion multiresistenter Erreger  (MRE). Die Gefahr schädlicher Mikroorganismen ist insbesondere gegeben durch ihr exponentielles Wachstum. Vor allem Menschen mit Immunschwäche sind sehr anfällig. Kommen multiresistente Keime aber mit der Beschichtung in Kontakt, wird eine elektrische Wirkung erzeugt, bei der lebenswichtige Enzyme in Hülle der Bakterien gestört werden, die sie zum Überleben benötigen. Es ist quasi ein „electric chair for bacteria“.

In welchen Bereichen sehen Sie die Einsatzgebiete für diesen antibakteriellen Lack?

Die möglichen Einsatzbereiche sind sehr vielseitig. Gerade in Krankenhäusern ist der Kampf gegen multiresistente Keime ein zunehmend wichtiges Thema. Und auch sanitäre Einrichtungen, Altenheime, Kliniken usw. können große Vorteile durch diesen Lack erzielen. Die Beschichtung kann z.B. auf Türklinken, Bettgestelle, Wasserhähne oder Handgriffe aufgetragen werden. Das alles sind Überträger für Bakterien und Keime. Man berührt etwa beim Passieren einer Drehtür eine Griffstange und fasst sich danach ins Gesicht. Schon werden die Bakterien übertragen, die sich blitzschnell vermehren. Hier ist die Beschichtung eine Lösung.

Herr Professor Luthe, Sie sind als Sohn eines Maurers aufgewachsen und haben dieses Handwerk auch gelernt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Studium im Bereich der Chemie zu absolvieren?

Ich konnte mich nicht entscheiden. Damals habe ich Mathematik, Theologie, Physik und Biologie studiert. Mathematik ist eine Hilfswissenschaft, in der Theologie gibt es viele interessante theologische Fragestellungen, aber man bekommt keine Antworten, und die Biologie ist zu beschreibend. Da blieb nur Chemie übrig. Man braucht in diesem Bereich Kenntnisse von Physik, Biologie, Medizin, Pharmazie usw. So habe ich auch meinen zweiten Postdoc in Toxikologie geschrieben. Chemie ist die Krönung der Wissenschaft.

Inwieweit helfen Ihnen ihre handwerklichen Kenntnisse bei der Ausübung Ihres Berufs als Chemiker und Toxikologe?

Chemie ist auch ein Handwerk, man formt etwas. Früher kannte ich keine Chemiker und ich glaube, dass viele potentiell gute Chemiker ein Studium in diesem Bereich machen würden, wenn es Chemie nicht als Schulfach gäbe. In der Schule fehlte der Bezug zur Realität. Man kann mit Chemie die Zukunft gestalten. Für die großen Fragen der Umwelt braucht es viel chemisches und kreatives Denken.

Was ist aus Ihrer Sicht der konkrete Mehrwert der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit?

Niederländer sind nicht so sehr auf eine perfekte Lösung fokussiert wie Deutsche. Der optimistische Pragmatismus der Niederländer und der eher konservative Perfektionismus der Deutschen ergänzen sich wunderbar. Die Niederlande und Deutschland sind eine gute Kombination und zusammen mehr als zwei. Man muss die Grenznähe nutzen.

Können Sie sich vorstellen, in Zukunft erneut an einem INTERREG-Projekt mitzuwirken?

Ja! Es gibt wichtige Errungenschaften in der Chemie. So haben wir zum Beispiel eine Lösung gefunden gegen die Symptome, die bei Kontakt mit Eichenprozessionsspinnern auftreten. Hierbei handelt es sich um Kohle, die so feingemahlen ist, dass sie sich in die Poren der Haut setzt. Sie muss einmal pro Tag angewendet werden. Aber ohne die Förderung der EU würde es das Produkt nie geben, weil wir die hierzu notwendige Forschung allein nicht finanzieren können.

Herr Professor Luthe, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Carmen van der Sluis.

(Foto, v.l.n.r.: Andreas Kwekkeboom, Dr. Hans-Joachim Weintz, Carmen van der Sluis, Prof. dr. Gregor Luthe, Dr. Matthias Bischoff)