Von Martin Borck
Es gibt sie noch: Piratensender. Dreht man lange genug an den Knöpfen seines Radioapparats, stößt man auf Sender mit einer ungewöhnlichen Musikmischung. Gerade in den ländlichen Gebieten im Osten und Norden der Niederlande, aber auch zwischen deutsch-niederländischer Grenze und Ems sind viele „freie Radios“ aktiv. Illegal, aber – vielleicht gerade deshalb? – in Teilen der Bevölkerung beliebt.
Die Betreiber strahlen ihre Programme über teils 100 Meter hohe Sendemasten aus. Die können auseinandergebaut und transportiert werden. Diese Mobilität ist auch notwendig, wenn die Schwarzsender nicht von den Autoritäten erwischt werden wollen. Dennoch wird immer wieder mal ein Piratensender erwischt. Dann wird die Sendeapparatur beschlagnahmt und ist eine Geldbuße fällig.
Als Hörer merkt man sofort, wenn man beim Radio-Zappen auf einen Piraten stößt: Die „geheimen Sender“ spielen oft Musik, die von den öffentlich-rechtlichen oder kommerziell-privaten Sendern mit Lizenz kaum ausgestrahlt wird: fröhliche Polkas, Akkordeonmusik, deutsche und niederländische Schlager. Die Moderatoren sind in der Region verwurzelt, sprechen Dialekt. Sie lösen ein „Wir-Gefühl“ aus, samt Geschmack von Freiheit und Abenteuer.
Neben der Faszination für die Technik dürfte der Reiz des Verbotenen ein wesentliches Motiv sein, das die Piraten antreibt. Denn es gibt mittlerweile ja genügend legale Möglichkeiten, Radioprogramme zu gestalten: In fast jedem Ort in den Niederlanden existiert ein Lokalradio, und das Internet bietet ebenfalls Gelegenheit, seine DJ-Fähigkeiten auszuleben. Tatsächlich ist manche heute legale Station aus ehemals geheimen Sendern hervorgegangen. Dennoch bleiben die illegalen populär.
Die Geschichte der Piratensender geht weit zurück. Schon in den späten 1920er-Jahren soll es bei Almelo einen geheimen Sender gegeben haben. Im Zweiten Weltkrieg versorgten Widerstandskämpfer die Bevölkerung mit Informationen und Appellen über den Äther. In den 1960er-Jahren waren es knallharte Geschäftsinteressen, die in den Niederlanden zur Gründung der „echten“ Piratensender auf See führten. Radio Veronica zum Beispiel wurde 1959 von einer Interessenvertretung von Radiogerätehändlern gegründet, die mit kommerziellen Ausstrahlungen Geld verdienen wollten. Weil die nationalen Rundfunkgesetze das nicht zuließen, wichen die Radiomacher in internationale Gewässer vor der niederländischen Küste aus. Von einem Schiff in der Nordsee wurde das Programm auf Mittelwelle ausgestrahlt. Mit durchschlagendem Erfolg: Veronicas Discjockeys wurden Stars. Sie spielten durchweg Pop- und Rockmusik – die es damals in den Sendungen aus Hilversum selten zu hören gab.
Veronica bekam bald Konkurrenz, die dem Sender-Boss nicht passte. Ein Sprengstoffanschlag auf das Schiff des Mitbewerbers „Radio Nordsee International“ gilt als Tiefpunkt in der Geschichte der Piratensender.
Der Begriff „Piratensender“ setzte sich auch für illegale Radioaktivitäten auf dem platten Land durch. Dabei geht es den Betreibern in Twente, dem Achterhoek und Drenthe nicht um Kommerz. Sie wollen unterhalten und stoßen auf erstaunlich starke Resonanz.
Und in Deutschland? Gab und gibt es ebenfalls Piratensender, wenn auch deutlich weniger und oft mit anderer inhaltlicher Ausrichtung. Den Radiomachern ging es früher eher um das Aufbrechen des starren Rundfunkmonopols und um die Verkündung politischer Meinungen, die ihrer Auffassung nach in den öffentlich-rechtlichen Programmen zu kurz kamen. Ich erinnere mich an Sendungen von „Radio Fledermaus“ während meiner Studienzeit Anfang der 80er-Jahre in Münster. Musik spielte da kaum eine Rolle.
Auf jeden Fall haben die Piraten eine Zielgruppe gefunden, der das legale Radio-Angebot offenbar nicht ausreicht. Für ihre Hörerinnen und Hörer lösen die Programme auch eine Art von Grenzglück aus — zumindest so lange kein legaler Sender gestört wird.
