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"Wussten Sie, dass...?" im Gespräch mit Desiree Brüning von taNDem

Kunst verbindet - auch grenzübergreifend

Quelle: 

EUREGIO

Mit unserer Serie "Wussten Sie, dass...?" geben wir einen Blick hinter die Kulissen der grenzübergreifenden Zusammenarbeit anhand von Best Practices in der EUREGIO. Wir sprechen mit Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für ein grenzenloses Zusammenleben in unserer Region einsetzen. Dieses Mal sprachen wir mit der Projektkoordinatorin Desiree Brüning. Aufgrund ihres niederländisch-deutschen Hintergrunds hat sich Desiree schon immer sehr für grenzüberschreitende Fragen interessiert. Während ihres Master-Studiums in Interkultureller Kommunikation absolvierte sie ein Praktikum bei der EUREGIO in Gronau. Nach ihrem Studium begann sie bei uns als Trainee zu arbeiten und ist seit 2018 Projektkoordinatorin des taNDem-Projekts, das sich der Kunst und Kultur in der EUREGIO widmet.

Wie kam das INTERREG-Projekt Kunstverbinding - Kunstverbindung zustande?

Das Projekt ist eigentlich der Nachfolger eines früheren Kunstprojekts bei INTERREG, nämlich GrensWerte, das 2014 endete. Im Nachhinein wurde klar, dass die Projektpartner nach wie vor ein grenzüberschreitendes Kunst- und Kulturprojekt wollten, dies aber nicht von selbst zustande kam. In Folge dessen wurde eine Studie durchgeführt, die zeigte, dass tatsächlich noch Bedarf an einem Kunstprojekt besteht und dass die EUREGIO dabei eine führende Rolle übernehmen sollte. Nach vielen Diskussionen und einer langen Vorbereitungszeit ist das aktuelle taNDem-Projekt endlich zustande gekommen.

Das Projekt erhielt einen Namen, der den Inhalt gut wiedergibt (Tandem-Arbeit, Niederlande, Deutschland). Warum wurde speziell dieser Name gewählt?

Der offizielle Name lautet Kunstverbinding - Kunstverbindung, aber das ist ein ziemlich langer Name. Deshalb wollten wir einen Namen, der in der Kommunikation leicht zu verwenden, zweisprachig und eingängig ist. So kamen wir zu taNDem, weil die Künstler paarweise arbeiten und Zusammenarbeit notwendig ist, wie auf einem Tandemfahrrad. Beide müssen dazu beitragen, die Zusammenarbeit erfolgreich zu gestalten.

Jedes Jahr steht ein neues Thema im Mittelpunkt des Projekts. In den vergangenen Jahren kamen schon die Themen „Energie“ und „Heimat“ vorbei. Dieses Jahr ist das Thema „Paradies“. Warum wurde dieses Thema gewählt und was können wir erwarten?

Die Jahresthemen wurden von den Projektpartnern bereits während des Antragsverfahrens festgelegt. Es sind aktuelle gesellschaftliche Themen, die für die Grenzregion passend und in einem weiten Sinne zu verstehen sind. Wir sind immer besonders neugierig auf die deutsche und die niederländische Perspektive und darauf, wie diese zu einem einzigen Ergebnis zusammengeführt werden kann. Der diesjährige Untertitel des Paradieses lautet "Wo und wie wollen wir leben?" und die Künstler sind frei, ihr eigenes Kunstwerk zu schaffen. Sie werden unter anderem der Frage nachgehen: "Was ist das Paradies für dich?", wobei die Menschen befragt werden. Aber es wird auch eine Tanzperformance über ihre eigene Interpretation des Paradieses geben.

Wie viele Projekte kann die Kunstjury maximal bewilligen und nach welchen künstlerischen Kriterien beurteilt die Jury die Projektanträge?

In jedem Themenjahr werden 15 Anträge genehmigt, aber wir erhalten mehr Anträge. Deshalb müssen wir leider auch mal Künstler enttäuschen. Was die Wahl betrifft, so befinden wir uns sozusagen in einer Luxusposition, was bedeutet, dass wir die Hilfe einer unabhängigen Jury gut gebrauchen können. Wir als Projektleitung treffen diese Wahl nicht, denn wir sind von Anfang an in das Antragsverfahren und die Beratungsgespräche eingebunden. Was die Jury hauptsächlich betrachtet, ist die Beziehung des Projekts zum Jahresthema, die Qualität und die grenzüberschreitende Perspektive. Was in diesem Jahr ebenfalls eine Rolle spielte, war die aktuelle Situation bezüglich des Coronavirus. Gibt es zum Beispiel bereits einen Ort für die Ausstellung oder Aufführung und gibt es Möglichkeiten, flexibel zu sein? Anschließend findet eine Jurysitzung statt, um die Themen zu diskutieren und die endgültigen Entscheidungen zu treffen.

Wie schnell ist taNDem nach seinem Start ins Rampenlicht gerückt? Haben die Anträge im Laufe der Jahre auch zugenommen?

Das Projekt erregte fast unmittelbar nach seiner Genehmigung durch die INTERREG-Lenkungsgruppe Aufmerksamkeit. Was wir für wichtig hielten, war, dass sofort eine Projekt-Website mit einem begleitenden Logo und Informationen für Künstler erstellt wurde. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Interesse an einem grenzüberschreitenden Kunst- und Kulturprojekt besteht, aber es gab immer ein wenig Angst, dass dies in der Praxis anders ausfällt. Diese Angst war absolut unnötig, denn beim ersten taNDemcamp stellte sich heraus, dass wir bereits 140 Anmeldungen hatten. Dies führte ebenfalls zu 36 Anträgen, und im folgenden Jahr 2019 waren es wieder 36. In diesem Jahr stellten wir einen großen Unterschied zu den beiden anderen Jahren fest, denn es gingen 47 Anträge ein. Was mir auch auffällt, ist, dass das Bewusstsein für das Projekt zunimmt. Ich begegne dem Projekt immer öfter in der Presse, und auch in der Kunstwelt steigt der Bekanntheitsgrad der Marke.

Desiree, du koordinierst das Projekt von der EUREGIO aus. Wie gehst du da vor?

Das Wichtigste ist eine gute Planung und eine klare Vorstellung davon, was wann getan werden muss. Was ich selbst sehr wichtig finde, ist der persönliche Kontakt mit den Künstlern und Interessenvertretern und dass man Interesse zeigt. So versuche ich auch, die Künstler zu begeistern und sie stärker in das Projekt einzubinden. Auch mit dem Ziel, die Botschafterrolle zu verstärken. Außerdem bin ich das Front Office, also die erste Anlaufstelle für Künstler, ich organisiere Treffen, wie das taNDemcamp, und ich besuche regelmäßig eine Ausstellung oder die Präsentation eines Tandems.

Könntest du ein Beispiel für ein Kunstprojekt oder eine Veranstaltung während des Projekts nennen, das dich sehr beeindruckt hat?

Das sind vor allem die drei taNDemcamps. Es kamen sofort viele Leute. Im ersten Jahr sogar so viele, dass wir im folgenden Jahr mit einer Warteliste arbeiten mussten. Bei mehr als 100 Personen wird es schwierig, gute Begegnungen zu ermöglichen. Durch die vielen Teilnehmer war immer viel Begeisterung vorhanden, und das hat mich sehr beeindruckt.
Worüber ich mich auch sehr gefreut habe, ist, dass wir 2019 den 2. Preis des Sail of Papenburg Award gewonnen haben. Das ist ein Preis, der jährlich an besondere Initiativen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit vergeben wird.

Inwieweit wirken sich die aktuellen Corona-Maßnahmen auf das taNDem-Projekt aus? Wie gehen die Künstler mit den Maßnahmen um?

Natürlich hat es Auswirkungen. Das Themenjahr Energie lief bis zum 31. März 2020, weshalb einige wenige Projekte nicht der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnten. Das ist natürlich besonders unglücklich für die Künstler, denn sie haben das ganze Jahr über an etwas gearbeitet und möchten es der Öffentlichkeit zeigen. Das neue Themenjahr Paradies werden wir fortsetzen. Zuerst gab es noch Zweifel daran, aber wir hielten es für die beste Wahl, weiterzumachen, da Anträge gut (digital) vorbereitet werden können. Glücklicherweise erhielten wir viele positive Reaktionen von den Künstlern selbst. Leider ist es noch ungewiss, wann öffentliche Veranstaltungen wieder erlaubt sein werden. Wir geben den Künstlern jetzt auch den Tipp, über ein digitales Konzept für die Abschlusspräsentation nachzudenken. Die derzeitigen Corona-Maßnahmen haben zwar Auswirkungen, aber wir stehen keineswegs still und machen einfach weiter.

Was ist deiner Meinung nach der konkrete Mehrwert der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit zwischen Künstlern?

Auf jeden Fall macht es Spaß, mit jemandem aus einem anderen Land zusammenzuarbeiten, vor allem wegen der neuen Perspektiven, die damit verbunden sind. Wir sehen die Kunst auch als einen verbindenden Faktor in dem Projekt, das die Zusammenarbeit zwischen Künstlern schafft. Die Künstlerinnen und Künstler treten wirklich in einen intensiven  er Zusammenarbeit in, in dem sie sich auch gut kennen lernen müssen. Das ist nicht immer einfach, denn oft kennen sie sich vor der Zusammenarbeit nicht gut, und auch die Sprachbarriere muss überwunden werden. Trotzdem werden oft sehr schöne Ergebnisse erzielt, weil auf diese Weise wirklich zwei verschiedene Welten zusammenkommen.

Erwartest du, dass die Künstler nach dem Ende des Projekts weiterhin miteinander zusammenarbeiten?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sehe ich, wie Freundschaften entstehen, aber es gibt auch Künstler, die eine einmalige Zusammenarbeit miteinander eingehen. Wir halten es für sehr wichtig, Netzwerke für Künstler zu schaffen, und deshalb organisieren wir jedes Jahr Netzwerktreffen, bei denen die Teilnehmer auch andere Tandems kennen lernen. Man sieht oft, dass bei diesen Treffen viele Tipps ausgetauscht werden. Oder es gibt sogar Tandems, die sich zusammenschließen, z.B. wenn ein Tandem kommt, um auf der Ausstellung eines anderen Tandems Musik zu spielen. In unserem dritten Jahr haben wir sogar ein paar gemischte Tandems. Das sind Künstlerinnen und Künstler, die bereits einmal an einem Themenjahr teilgenommen haben, sich dann bei einem Netzwerktreffen kennen gelernt haben und nun gemeinsam ein Projekt begonnen haben.

Paradies ist das letzte Themenjahr und läuft bis März 2021. Gibt es Ideen, um in Zukunft neue Kunstprojekte zu starten?

Ja, es gibt Gespräche, taNDem weiterzuführen. Wir tun das, damit wir nicht völlig zum Stillstand kommen, weil wir eigentlich so gut miteinander auskommen und auch die Bekanntheit wächst. Vor allem, weil sich auch die derzeitige Projektstruktur als gut bewährt hat. Wir hören oft, dass das Projekt sehr unkompliziert und unbürokratisch ist und eher ein Auge für Kunst und Zusammenarbeit hat, als für Verwaltung. Deshalb würden wir gerne weitermachen, aber wie genau dies aussehen wird, ist noch nicht bekannt.

Das Interview führte Carmen van der Sluis.

(Juni/Juli 2020)