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Ein Blick hinter die Kulissen beim INTERREG-Projekt MOVERO

Quelle: 

INTERREG Deutschland-Nederland

Das MOVERO-Projekt steht kurz vor dem Abschluss. In den letzten vier Jahren hat es sich mit modernen Techniken zur Oberflächenstrukturierung in der Industrie beschäftigt. Ein niederländisch-deutsches Konsortium, bestehend aus Unternehmen aus verschiedenen Sektoren und Forschungsinstituten, entwickelte neue Technologien, die in den teilnehmenden Unternehmen angewendet werden konnten. Um einen Blick hinter die Kulissen des MOVERO-Projekts zu werfen, wurden Gespräche mit den Projektpartnern Rolf Laakmann (TAFH Münster GmbH) und Jürgen Gröninger (FH Münster) geführt.

  1. Wie ist das INTERREG-Projekt MOVERO entstanden?
    Rolf: An der FH Münster und in der TAFH Münster GmbH beschäftigen wir uns schon sehr lange mit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Wir haben ein großes deutsch-niederländisches Netzwerk mit KMU, Verbänden und Hochschulen. Das war ein erster Startpunkt für MOVERO.
    Jürgen: Und 2015 wurde die Idee entwickelt, das Thema Oberflächenstrukturierung anzupacken und dieses auch grenzüberschreitend anzugehen. U.a. gab Stephan Brüning, der an der FH Münster studiert hat und zudem bei der Firma Schepers GmbH in Vreden tätig ist, an, dass sie häufig mit Anfragen auf dem Gebiet der Oberflächenmodifikation, insbesondere für den industriellen Bereich, zu tun haben, wodurch deutlich wurde, dass hier viele Möglichkeiten bestehen. Daher wurde ein Konsortium gegründet, um das Konzept zu entwickeln und nach mehreren Treffen konnte ein offizieller Projektantrag formuliert und eingereicht werden.
     
  2. Im Rahmen des Projekts wurde viel darüber geforscht, wie Oberflächen behandelt werden können (Oberflächenstrukturierung). Wer profitiert von diesen Entdeckungen?
    Rolf: In INTERREG-Projekten ist es immer wichtig, dass die Ergebnisse auf mehreren Ebenen angewendet werden können. Wissenschaft, KMU und Bürger sollten gleichermaßen profitieren. Das gilt auch für MOVERO. Den Bedarf nach einem solchen Projekt haben die KMU selbst formuliert. Anwendungsorientierte Hochschulen wie die Universität Twente (UT) oder die FH Münster können dann bei der Forschung und Entwicklung unterstützen.
    Jürgen: Darüber hinaus profitieren die Studenten von solchen Innovationen, weil sie später in Unternehmen landen, die etwas von diesen technologischen Entwicklungen haben. Auf diese Weise bleibt unsere Region auch für Hochschulabsolventen interessant. Darüber hinaus bietet das MOVERO-Projekt eine starke Basis für Zukunftsprojekte. Beispielsweise läuft bei einem Projektpartner jetzt ein Großauftrag eines amerikanischen Automobilherstellers. Durch diesen Auftrag konnten viele zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, und dank ihrer Teilnahme an MOVERO konnten sie diesen Auftrag annehmen.
     
  3. Sind die neuen Strukturierungsmethoden bereits in Gebrauch? Wo können wir diese zum Beispiel im täglichen Leben finden?
    Jürgen: Wir haben uns im MOVERO-Projekt mit den unterschiedlichsten Anwendungen in der  Oberflächenstrukturierung beschäftigt, denn Oberflächen gibt es überall. Es gab auch mehrere Arbeitspakete, welche von den einzelnen Projektpartnern durchgeführt wurden, die Ergebnisse für verschiedene Verwendungszwecke geliefert haben. Ein Beispiel sind effizientere Sonnenkollektoren, bei denen eine Konstruktionstechnik verwendet wird, die anhand einer Walze einen "Stempel" auf eine Oberfläche setzen kann. Dieser Vorgang sorgt dafür, dass der Wirkungsgrad der Solarzellen steigt und eine höhere Lichtausbeute erreicht werden kann. Das bedeutet also mehr Leistung. Darüber hinaus wurden auch Oberflächenveränderungen entwickelt, die es Bakterien und Viren erschweren, sich auf einer Oberfläche festzusetzen. Auch das Gegenteil ist möglich. Biologische oder medizinische Einrichtungen benötigen manchmal gerade gute Zellen und diese können wir auf bearbeiteten Oberflächen schneller und kontrolliert wachsen lassen.
     
  4. In einer Pressemitteilung der FH Münster (30.01.2020) wird über einen Einkaufswagen gesprochen, auf dem durch Oberflächenbehandlung nur wenige Bakterien zurückbleiben. Trägt das Projekt MOVERO Ihrer Meinung nach durch solche Methoden auch teilweise dazu bei, die Verbreitung des Covid-19-Virus zu verhindern?
    Jürgen: Das Problem ist, dass man nicht genau weiß, wie sich das Virus verbreitet und welche Rolle dabei die Berührung von Gebrauchsgegenständen spielt. Indirekt könnte es wohl sein, da in einem der Arbeitspakete Oberflächenstrukturen für Gebrauchsgegenstände entwickelt wurden, die häufig berührt werden, wie z.B. Handläufe, Einkaufswagen und Haltegriffe. Diese Struktur sorgt dafür, dass Bakterien und Viren sich schwerer an den genannten Produkten anhaften können. Es ist natürlich nach wie vor notwendig, Abstand voneinander zu halten.
     
  5. Sind Sie mit den Projektergebnissen zufrieden?
    Rolf: Ja, auf jeden Fall. Besonders freut mich, dass wir nicht nur in der "Pflicht" – also den eigentlichen Projektzielen – erfolgreich waren, sondern auch in der „Kür“:  zum Beispiel neue Kooperationen und Ideen für Folgeprojekte. Das ist für mich immer das „Sahnehäubchen“, weil es zeigt, dass ein Projekt funktioniert hat.
    Jürgen: Ja, innerhalb der Projektlaufzeit ist es beispielweise zu erweiterten und neuen Kontakten gekommen zwecks der Weiterentwicklung von Oberflächentechnologien. Darüber hinaus bildet MOVERO eine gute Basis, auf der man weiter aufbauen kann, so dass wir Unternehmen in der Region behilflich sein konnten. Auf der anderen Seite konnten nicht alle neuen Ideen innerhalb der Projektlaufzeit 1 zu 1 umgesetzt werden. Da sind noch einige Arbeiten nötig, um das Entwicklungsziel zu erreichen. Das ist ziemlich zeitintensiv.
     
  6. Was waren die größten Herausforderungen während des Projekts?
    Rolf: Das Konsortium hat sich innerhalb der Projektlaufzeit verändert. Deshalb mussten wir umstrukturieren und neue Partner finden. Das ist uns aber wegen der eingangs erwähnten guten Netzwerke zum Glück gelungen.  
    Jürgen: Eine weitere Herausforderung waren z.B. die Personalwechsel bei den KMU, die dazu führten, dass die zuständigen Mitarbeiter nicht mehr da waren. Diese Personen sind zwar gut ersetzt worden, aber dies ist immer mit einer gewissen Einarbeitungszeit verbunden. Alle Innovationen konnten dennoch weitergeführt werden.
     
  7. Haben Sie in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit Kulturunterschiede feststellen können oder gab es Sprachbarrieren, mit denen Sie sich auseinandersetzen mussten?
    Rolf: Ich glaube, dass es im professionellen Umfeld keine großen Kulturunterschiede mehr gibt. Was mir jedoch noch manchmal auffällt, ist, dass die Perspektiven häufig etwas anders sind. Die niederländischen Partner machen sich schon sehr früh Gedanken über den Markt und seine Bedürfnisse. Die Deutschen sind häufig etwas „vorsichtiger“ und denken erstmal an die Umsetzung. Bei der Sprache ist es immer super sympathisch, finde ich. Viele sprechen beide Sprachen oder verstehen sie zumindest recht gut. Man kann also – ganz in der INTERREG Tradition – in der Muttersprache bleiben. Im Zweifel wechselt man eben ins Englische oder jemand übersetzt.
    Jürgen: Ich habe bisher nur einen kulturellen Unterschied  festgestellt, und das war, als wir an einem 5. Dezember ein Meeting organisieren wollten. Da stellte sich heraus, dass die Niederländer nicht teilnehmen konnten, weil sie da mit ihrer Familie zu Hause bereits den Nikolaustag feierten. Dieser Feiertag ist für die Deutschen nicht so wichtig, dort wird Weihnachten mehr gefeiert, aber das ist vor allem eine nette Anekdote.
     
  8. Was ist aus Ihrer Sicht der konkrete Mehrwert der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit für das INTERREG-Projekt MOVERO?
    Rolf: Ich finde, MOVERO war ein Projekt, in dem die Kompetenzen tatsächlich wie Inseln grenzüberschreitend verteilt waren. Jeder Partner hat eine eigene Expertise mit eingebracht, die man so ohne weiteres nicht woanders findet. Ohne die deutsch-niederländische Zusammenarbeit hätte man das Projekt also gar nicht umsetzen können.
     
  9. Welche Chancen können in der Zukunft im Bereich der Oberflächentechnik noch ergriffen werden? Welchen Beitrag kann die FH Münster leisten?
    Jürgen: Während der Projektphase gab es viele Meetings und Workshops , in denen auch Ideen und Ansätze für neue Anwendungen entwickelt wurden. Wir arbeiten jetzt aktiv daran, eine der Ideen als Projekt auf den Weg zu bringen. Ich glaube, dass wir das MOVERO-Projekt als eine starke Basis dafür nutzen können. Es handelt sich dabei ebenfalls um die Modifikation von Oberflächen. Diesmal geht es um das aktuelle Thema Wasserstoff als Energieträger. Um das zu erreichen, muss das Elektrolyseverfahren weiterentwickelt werden, denn dies ist der erforderliche Schritt, um aus Wasserstoff Energie zu gewinnen. Darüber hinaus kann die Optimierung von Brennstoffzellen eine Rolle spielen, damit Energie effizienter erzeugt werden kann. Dazu tragen Oberflächenmodifikationen bei, da sich flüssige und gasförmige Stoffe durch die Modifikation besser durch die Prozesse bewegen können. Um dies zu erreichen, muss allerdings ein gutes Konsortium mit niederländischen und deutschen Partnern gebildet werden, das sich gegenseitig ergänzt, Wissen austauscht und Innovationen in die Praxis umsetzt.

Das INTERREG V - Projekt „MOVERO” wird durch die Europäische Union finanziert. Das Wirtschaftsministerium NRW, MB Niedersachsen, Ministerie van Economische Zaken en Klimaat, die Provinzen Gelderland, Overijssel, Limburg und Noord-Brabant sowie teilnehmende KMU und Hochschulen unterstützen das Projekt ebenfalls.